Neulich am Berliner Hauptbahnhof

Das Erscheinungsbild unserer Gesellschaft hat sich verändert. Die Gruppe der Menschen in unserer Gesellschaft, die in Armut leben, ist nicht mehr zu übersehen. Vornehmlich sind es altere Menschen, Rentner, deren monatliches Einkommen nicht mehr zum Leben reicht. Glauben Sie nicht? Verbringen Sie doch mal an einem Sonntag eine ruhige Stunde auf dem Berliner Hauptbahnhof, sonntags gibt es keinen oder nur wenig Berufsverkehr, da fallen Ihnen dann Dinge auf, die sonst im Alltagsgewimmel untergehen. Ich saß am letzten Sonntag – unfreiwillig – eine Stunde auf dem Berliner Hauptbahnhof und wartete auf den Zug. Aus meinem anfänglichen Ärger über eine nicht nur in allem perfekte Deutsche Bahn wurde allmählich Demut. Ich beobachtete viele Menschen, die , anders als ich, nicht hätten reisen können, die statt auf einen verspäteten Zug zu warten mit der Hoffnung, ein wenig Essbares zu finden, Müllbehälter durchsuchten und sich über Dinge freuten, die in mir Ekel erregt hätten. Es ist angekommen, das Bild der Armut in unserem Land. Und es sollte uns alle stören! Ich will nicht missverstanden werden und den Anschein erwecken, irgendwie politisch wirken zu wollen, eine ideologische Haltung einzunehmen oder gar am Ende sogar so tun, als hätte ich die Lösung für die sozialen Probleme unserer Gesellschaft. Aber wer so eine Stunde auf dem Bahnhof erlebt, weiß plötzlich, dass es eine Anstrengung aller sein wird und sein muss, ausgegrenzte Menschen wieder zu einem wirklichen Teil unserer Gesellschaft zu machen. Statt uns in der Diskussion über Lösungswege gegenseitig zu behindern oder gar zu diffamieren, sollten wir miteinander handeln: alle Parteien, Gewerkschaften, Verbände, Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Kirchen aller Konfessionen. Gehen Sie sonntags mal für eine Stunde auf den Bahnhof…

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