Die Definition des “Unfalls” und ihre Anwendung

Die Unfallversicherung lebt, wie alle Versicherungsformen in ihrer Anwendung, von klaren rechtlichen Definitionen. In der Regel kennt man diese Formulierungen aus dem sogenannten “Kleingedruckten”, also den “Allgemeinen und Besonderen Bedingungen”, die einem Versicherungsvertrag hinterlegt sind. Im Falle der Unfallversicherung gibt es z.B. eine Buchstaben-Abkürzung, PAUG genannt, die die Situation eines Unfalls definiert: P wie plötzlich, A wie von außen, U wie unerwartet und G wie gesundheitsschädigend. In einem besonderen Fall gab es in der Beurteilung eines “Unfalls” jedoch ein Problem. Ein Sporttaucher erlitt beim Aufstieg nach einem Tauchgang einen Dekompressions-Unfall, d.h. der Aufstieg, der entsprechend der Tiefe und Länge des Tauchgangs sehr langsam erfolgen muß, wurde zu schnell durchgeführt, was aber im vorliegenden Fall dennoch eine sehr lange Zeitspanne umfaßte. Die sich nach dem Aufstieg zeigende Dekompressionskrankheit war also nicht durch ein “plötzliches” Ereignis wie sonst bei einem Unfall üblich eingetreten. Kann dieses Ereignis also als Unfall eingestuft werden? Dazu machte sich das Kammergericht in Berlin seine Gedanken (Az.: 6 U 141/15) und kam zu folgendem Schluss: der zwar langsame, aber aus medizinischer Sicht dennoch zu schnelle Vorgang des Auftauchens ist als Unfallereignis anzusehen. Es käme nicht auf die tatsächliche Zeitdauer des Vorgangs an, um ihn als Unfall zu werten, sondern auf das plötzlich und unerwartete Eintreten des subjektiven Empfindes der Dekompressionsproblematik, auf die zu reagieren keinerlei Möglichkeit mehr bestand. Man sieht, auch Definitionen bedürfen einer “Auslegung” im konkreten Fall, also der Interpretation der Rechtsprechung.